Vielen Menschen fällt es schwer, über Krankheit und Behinderung zu sprechen, da dies ja keine angenehmen Bereiche des Lebens sind. Soweit sie nicht selber, durch ein Familienmitglied oder Freunde Kontakt zu Menschen mit Handicap oder einer Erkrankung haben, werden diese Themen gerne vermieden. Kommen diese Themen doch mal auf den Tisch, tut man sich häufig schwer mit der richtigen Wortwahl und die Dinge erscheinen manchmal negativer als sie eigentlich sind.

Die folgenden Zeilen mögen manchem als Wortklauberei erscheinen, denn bestimmte Ausdrücke gehören einfach zum alltäglichen Gebrauch in Verbindung mit Behinderung oder Krankheit. Allerdings werden sie meistens verwendet ohne sie genauer zu hinterfragen, wie man so Vieles ganz automatisch und ohne nachzudenken tut. Ich denke aber, dass dadurch ganz unbewusst eine negative Grundeinstellung weitergetragen wird. Schon wenn man an einigen Stellen ein Wort austauscht, bekommt die Sache einen positiveren oder neutralen Klang. Ich will mal zwei Beispiele nennen:

Da wäre zuerst einmal die Sache mit dem “Leiden”, denn es ist ja gang und gäbe zu sagen, dass jemand zum Beispiel unter dem Down-Syndrom LEIDET. Aber leidet dieser Mensch denn eigentlich? Ich denke, mit dieser Behauptung lehnt man sich doch sehr weit aus dem Fenster! Bei unserer Tochter wurde das Cornelia de Lange-Syndrom diagnostiziert, das etliche körperliche Einschränkung, sowie auch eine geistige Behinderung mit sich bringt. Aber zu behaupten, dass sie tatsächlich unter dem Syndrom selbst leidet, wäre ähnlich passend wie die Aussage, dass Zahnschmerzen angenehm sind. Die Mausbeere ist die personifizierte Lebensfreude und wenn sie dann tatsächlich mal leidet, dann unter einer Erkältung oder Magenschmerzen, die vermutlich jedem den Tag gründlich verderben würden. Wenn ich also gefragt werde, was der Grund für ihr Handicap ist, sage ich, dass unsere Tochter das Cornelia de Lange-Syndrom HAT.

Ein anderes Beispiel ist die Aussage, dass jemand an den Rollstuhl GEFESSELT ist. Diese Wortwahl finde ich ganz schrecklich und bei genauerem Nachdenken beschreibt sie eigentlich das exakte Gegenteil von dem, was der Rollstuhl eigentlich für denjenigen bedeutet. Ist man gefesselt, kann man sich nicht bewegen und ist dazu gezwungen, an einer bestimmten Stelle zu bleiben - gerade so wie ein Mensch, der sich aus eigener Kraft nicht vorwärts bewegen kann. Und was tut der Rollstuhl? Er befreit den ansonsten an Ort und Stelle gefesselten Menschen und gibt ihm Mobilität und somit ein Stück Freiheit! Von daher ist es doch viel neutraler, einfach zu sagen, dass jemand im Rollstuhl SITZT.

Vielleicht konnte ich mit diesem Text ja ein wenig zum Nachdenken anregen, denn im Alltag tun und sagen wir viele Dinge, ohne sie zu hinterfragen. Aber gerade im regelmäßigen Miteinander mit Menschen, die womöglich etwas mehr Hilfe und Aufmerksamkeit benötigen, finde ich ein gewisses Maß an Achtsamkeit sehr wichtig.

Things you might like

Other articles you might enjoy...

Survey icon

Public Opinion…

Which streaming service do you use to listen to podcasts?